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Warum Hagar ihr Baby beschneiden lässt und nicht versteht, daß sich Deutsche da einmischen

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Scharia

Unter Schari‘a wird heute das traditionell-islamische Rechtssystem verstanden. Die Gesamtheit der islamischen Rechtstheologie heißt fiqh. Das Rechtswesen der meisten islamisch geprägten Staaten beruht jedoch nur zum Teil auf Scharia-Prinzipien, hinzu kommen starke Einflüsse aus dem westlichen Rechtsdenken. Viele strenggläubige Muslime fordern für die islamische Welt die gänzliche Umsetzung der Scharia. Mehrere Staaten nehmen für sich in Anspruch, die Scharia zur alleinigen Rechtsgrundlage gemacht zu haben, z.B. Saudi-Arabien, Iran, Nigeria (nördliche Bundesstaaten), (Nord-)Sudan. Einige islamische Organisationen fordern die Einführung der Scharia auf Teilgebieten – z.B. Familien- und Eherecht – auch im Westen für hier lebende Muslime.

Eine genaue Definition des Begriffs »Scharia« ist nicht möglich. Es handelt sich nicht um ein Gesetzes- oder Regelwerk, in dem man einfach nachschlagen könnte wie etwa im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB). Es ist kein Korpus von Rechten, die irgendwann einmal beschlossen und niedergelegt wurden (legislatives Recht). Strenggenommen handelt es sich bei der Scharia überhaupt nicht um Rechte, sondern um Verbote und Pflichten, die der Einzelne gegenüber Gott und der umma, der Gemeinschaft der (Islam-)Gläubigen zu erfüllen hat. Wann eine solche Pflicht verletzt wird/wurde und welche Kompensation dafür zu leisten bzw. Strafe zu verbüßen ist, darüber fertigen spezialisierte theologische Gelehrte von Fall zu Fall fatwas (Rechtsgutachten) an.

Die Scharia ergibt sich also aus der Interpretation der islamischen Schriftquellen. Diese sind der Koran, die Sunna – d.h. die autoritativsten Überlieferungen der Worte und Taten des Propheten in den Sammlungen des Hadith – und die Ausführungen der frühen islamischen Theologen (bis etwa 10. Jahrhundert). Der Koran gilt als Gottes Wort, doch genießt de facto auch der Hadith göttlichen Status. Immerhin haben etwa 8% des Korantextes rechtliche Bedeutung. Doch ist für die Rechtsfindung die Sunna von größerer Wichtigkeit, da sie umfangreicher ist und daher weitaus mehr Aussagen zu Recht und Gesetz enthält. In der orientalischen Bevölkerung sind außerdem die vom Hadith überlieferten Geschichten und Sprüche Mohammeds bekannter als die theologisch anspruchsvolleren Suren des Koran. Eine Rechtsprechung, die sich vornehmlich auf den Hadith bezieht, kann also mit breitem Verständnis und Zustimmung im Volk rechnen.

Fünf große Rechtstraditionen

Dadurch, dass die Scharia die göttlichen Quellen interpretiert, hat sie selbst ein quasi göttliches Image bekommen. Sie wird als »Gottes Rechtssystem« angesehen. Dies gilt freilich nur für die Scharia als Gesamtbegriff und ihren Geist. In den Einzelheiten können sich islamische Rechtsgelehrte durchaus widersprechen. In den ersten islamischen Jahrhunderten entwickelten sich die heutigen fünf großen Schulen der Rechtsauslegung – vier im sunnitischen Islam und eine schiitische. Nach ihren Gründern heißen die sunnitischen Hanafiten, Malikiten, Schafiiten, Hanbaliten, die schiitische Djafariya. Wegen der generell starken Bedeutung von Pflichten, Gesetzen und Verboten im Islam haben diese Schulen oder Traditionen der Schriftauslegung fast den Charakter von Konfessionen, die auch die islamische Welt regional unter sich aufgeteilt haben. Ganz Nordafrika mit Ausnahme Ägyptens folgt z.B. der malikitischen, die Türkei, Syrien, Jordanien und die zentralasiatischen Länder der hanafitischen Tradition. Die vier sunnitischen Rechtsschulen erkennen sich gegenseitig als rechtgläubig an. Die Djafariya, die hauptsächliche schiitische Rechtsschule, wird zumindest von den angesehenen sunnitischen Theologen der Al-Azhar-Universität in Kairo für rechtgläubig erachtet.

Islamisches Ehe- und Familienrecht

Großen Einfluss nimmt die Scharia auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Von einer Gleichberechtigung der Geschlechter im westlichen Sinne kann keine Rede sein. Ursprung der Ungleichbehandlung ist die patriarchalische arabische Stammesgesellschaft des 7. Jahrhunderts. Im Verhältnis zu dieser hat der Koran vermutlich die Stellung der Frau verbessert, wie islamische Theologen gerne betonen. Dennoch hat dies an der grundsätzlichen Benachteiligung der Frau in vieler Hinsicht nichts geändert. Ein wichtiger Ausgangspunkt dieser Ideologie ist in Sure 4,34 zu sehen: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie vor diesen ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen gemacht haben, und die rechtschaffenen Frauen sind demütig ergeben…“ Ähnlich 2,228: „Die Männer stehen eine Stufe über ihnen.“

Gewiss lassen sich auch manche Koran- oder Hadith-Zitate im Sinne einer Aufwertung oder Gleichstellung der Frau interpretieren, doch hat sich dies in der 1400-jährigen Rezeptionsgeschichte nur geringfügig niedergeschlagen. Nur zum Vergleich sei erwähnt, dass es Frauen abwertende Gedanken auch in der Bibel sowie in den indischen und chinesischen Schriften gibt. Die darauf gestützten Kulturen haben sich jedoch ab dem 19. Jahrhundert weitaus mehr auf eine Emanzipation der Geschlechter zubewegt als die islamische.

Das alte islamische Verständnis der Ehe ist – wie auch 4,34 umschreibt -, dass der Mann für den Unterhalt der Frau zu sorgen hat (»Ausgaben«) und dafür das Recht auf sexuellen Umgang mit ihr erwirbt, dem sie sich demütig zu fügen hat (siehe auch 2,187). In der modernen städtischen und gebildeten Gesellschaft mögen sich vielfach andere Regeln und Rollen eingespielt haben, doch ist das alte durch den Koran sanktionierte Verständnis des Ehevertrags bis heute einflussreich, wenn nicht dominant. Die scharia-gemäße Herabstufung der Frau drückt sich u.a. auf folgenden Gebieten aus:

  • Frauen dürfen, ja sollen, wenn sie sich gegen ihre Männer auflehnen, von diesen gezüchtigt werden, z.B. durch Schläge (4,34).
  • Eine Scheidung ist für den Mann wesentlich einfacher als für die Frau. Nach einer Scheidung hat eine Frau ein schlechteres Ansehen als der Mann und steht auch wirtschaftlich schlechter da.
  • Nach einer Scheidung gehören die Kinder immer dem Mann.
  • Ein Mann hat das Recht, bis zu vier Frauen zu heiraten. Er muss freilich auch in der Lage sein, für alle gut zu sorgen.
  • Als Zeuge bedarf es zweier Frauen, um die Zeugenaussage eines Mannes aufzuwiegen (vgl. 2,282).
  • Frauen steht nur das halbe Erbteil eines Mannes zu.

Generell ist der »sittsame Lebenswandel« einer Frau entscheidend für die Familienehre. Dieser unterliegt daher einer starken Kontrolle, die den alltäglichen Handlungsspielraum der Frau enorm einschränken kann.

Islamisches Strafrecht – Theorie und Praxis

Das islamische Strafrecht weist größte Differenzen zum europäischen Recht auf, weil es sich sehr eng an die »mittelalterlichen« Vorgaben aus Koran und Hadith hält. Es werden drei Kategorien von Vergehen unterschieden:

  1. Hadd-Verbrechen (hadd = Grenze), Kapitalverbrechen, die die von Gott gesetzten Grenzen überschreiten und deshalb nicht nur Vergehen gegen die Menschen, sondern gegen Gott persönlich sind. Sie müssen deshalb drakonisch bestraft werden. Diese sind: Ehebruch und Unzucht, Verleumdung wegen Unzucht, Schwerer Diebstahl, Schwerer Straßenraub und Raubmord, Genuss von alkoholischen Getränken. Einige Juristen rechnen auch Homosexualität und Abfall vom Islam dazu. Hadd-Strafen sind Todesstrafe (z.B. durch Steinigung oder Kreuzigung), Amputation von Händen oder Füßen, Auspeitschung.
    Soweit die Theorie. Für die Praxis werden von Koran und Hadith die Bedingungs- und Nachweis-Hürden allerdings so hoch gesetzt, dass es nur in extrem seltenen Fällen zu einer Verhängung von Hadd-Strafen kommt.
  2. Verbrechen mit Wiedervergeltung: Mord, Totschlag, schwere Körperverletzung. Der Geschädigte bzw. dessen nächste Angehörigen haben das Recht, dem Täter als Strafe dasselbe zuzufügen. Sie können auch darauf verzichten oder eine bestimmte materielle Entschädigung verlangen. Wiedervergeltung wird kaum jemals vor Gericht verhandelt, wird jedoch häufig außergerichtlich in der Form der Blutrache praktiziert.
  3. Alle anderen Vergehen gehören zu den Ermessensvergehen und sind mehr oder weniger der Willkür der Richter unterworfen.

Das Problem des islamischen Strafrechts ist kaum seine tatsächliche juristische Gültigkeit in den wenigen Staaten, die theoretisch die Scharia eingeführt haben. In den westlichen Medien wird dies meist völlig unrealistisch aufgebauscht. Denn in der Praxis wird so gut wie nie jemand wegen Unzucht oder Abfalls vom Islam durch die Staatsorgane hingerichtet oder einem Dieb die Hand abgehackt. Es gibt in der islamischen Tradition viele »Rechtskniffe« (hiyal), mit denen theoretisch vorgeschriebene Strafen umgangen werden. Bei vielen Straftaten mögen materielle Entschädigungen von Seiten der Täter-Familie an die Opfer-Familie auch sinnvoller sein als eine gerichtliche Bestrafung des Täters. Ähnlich wurden Mord und Totschlag auch im mittelalterlichen Europa geregelt.

Das Problem des Scharia-Strafrechts liegt vielmehr darin, dass es in der Form eines rigiden Rechtsempfindens in den Köpfen der Menschen verankert ist. Fälle von Unzucht, Abfall vom Glauben oder Totschlag kommen daher gar nicht erst vor Gericht, sondern werden oft durch Lynchjustiz geregelt – durch Blutrache oder sogenannte »Ehrenmorde«. In der breiten scharia-geprägten Bevölkerung werden diese meist geduldet oder sogar als »gerecht« empfunden. Deshalb besteht bei Justiz und Polizei auch keine allzu große Motivation, diese Lynchmorde zu verfolgen. Selbst in den relativ seltenen Fällen von Verurteilungen kommen die Täter oft mit milden Strafen davon.

Ein gänzlich anderes Problem ist die Ungewissheit bei den Ermessensvergehen, worunter alles fällt, was – teilweise mangels von Koran oder Hadith verlangter Beweise – nicht als Kapitalverbrechen eingestuft werden kann: Verkehrsvergehen, Betrug, Kidnapping, Aufruhr und vieles mehr. Hier haben nach der Scharia urteilende Richter völlig freie Hand in der Strafbemessung, was sich sowohl in zu großer Milde als auch zu großer Härte ausdrücken kann.

Gilt als gott-gegeben, ist eigentlich aber wandlungs- und kompromissfähig

Das Wort Schari’a kommt im Koran nur ein einziges Mal vor (45,18), und dann in der Bedeutung »rechter Weg« oder »Ritus«. Zu Mohammeds Zeiten war noch nicht erkennbar, dass sich Schari’a einmal zur Bezeichnung des islamischen Rechtssystems entwickeln würde. Obwohl also die Scharia einen historischen Werdegang zu verzeichnen hat und obwohl in vielen Punkten die Rechtsgelehrten der verschiedenen Schulen unterschiedliche Auffassungen vertreten, wagt kaum jemand, den göttlichen Ursprung der Scharia in Zweifel zu ziehen.

Es ist bis heute in der gesamten islamischen Welt unüblich, meist geradezu ketzerisch, irgendeinen der Sätze des Koran oder eine Aussage der Sunna in Frage zu stellen oder historisch zu relativieren. Diese Haltung wird auch auf die Scharia übertragen, wenngleich sie sich in der Praxis der heutigen islamischen Staaten als unzureichend herausstellt. Um den Erfordernissen der Moderne gerecht zu werden, sind die Rechtssysteme in der islamischen Welt mehr oder weniger Kompromisse aus Scharia, westlichem Recht und einheimischen nicht-islamischen Rechtstraditionen.

Trotz allem ist die nicht wirklich zu definierende »Schari’a« in den Herzen der meisten Muslime mit einem Heiligenschein umgeben, der sie immun gegen Kritik und offizielle Abschaffung macht. Letzteres wird vielleicht auch gar nicht nötig sein, da islamische Richter und Gelehrte schon immer »Rechtskniffe« und humane Auslegungen im konkreten Einzelfall gefunden haben. Auch für Europäer muss die Scharia also kein Schreckgespenst bleiben, solange sich die unter ihnen lebenden Muslime an den human-pragmatischen Rechtspraktiken moderner islamischer Länder und den »liberalen« Auslegungen der Scharia selbst orientieren. Hierzu wird freilich noch eine gute Portion historischer Aufarbeitung nötig sein.

( Stephan Surya Nagel )