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Warum Hagar ihr Baby beschneiden lässt und nicht versteht, daß sich Deutsche da einmischen

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" ZÜNDSTOFF GLAUBE - CHRISTEN DEBATTIEREN MIT MUSLIMEN "

Euro-Islam

In Westeuropa leben heute vermutlich über 20 Millionen Muslime, zum allergrößten Teil Immigranten oder Nachfahren von Immigranten aus orientalischen Ländern. Allgemein wird angenommen, dass der Anteil der Muslime an unserer Bevölkerung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten steigen wird. Viele Europäer sind deshalb besorgt, ob ein friedliches und konstruktives Zusammenleben mit der muslimischen Bevölkerungsgruppe gelingen wird. Die entscheidende Rolle wird dabei spielen, welche Gestalt der in Westeuropa geglaubte und gelebte Islam annehmen wird und ob die hiesigen Muslime die fundamentalen europäischen Werte zu verinnerlichen. Ist der Islam mit Europa kompatibel?

Europäische Werte

Die grundlegenden europäischen Werte sollen ein friedliches und konstruktives Zusammenleben aller Bürger zum Wohle aller Bürger ermöglichen. In Europa – und in der Fortsetzung in Nordamerika – haben sich dazu Einsichten gebildet, die aus jahrhundertelangen Auseinandersetzungen und Kriegen zwischen Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen gewachsen sind. Die streitenden Parteien waren die verschiedenen christlichen Konfessionen, das Judentum, der Agnostizismus (Philosophie und Wissenschaft, soweit sie sich einer Glaubensaussage enthalten) und der Atheismus (Philosophie, Wissenschaft und Marxismus als bekennende Gegner der Religion).

Gewissermaßen hat sich der Agnostizismus als »neutrale Mitte«, als konsensfähiger gemeinsamer Nenner herausgebildet, mit dem Religion und Atheismus gleichermaßen kooperieren können. Grundlegende Einsichten aus dieser Mitte heraus sind der Individualismus und Pluralismus sowie die Gleichberechtigung der Weltanschauungen. Die Religion ist somit reine Privatsache, sie hat auch keinen Einfluss auf die Rechtsprechung, die auf den agnostischen Humanismus gründet. Wird es einen »Euro-Islam« in Europa geben können, der diese ethischen Grundlagen unseres Demokratieverständnisses und Rechtsempfindens annehmen kann?

Die wesentlichen Werte Europas finden sich sowohl in den 30 Artikeln der Allgemeinen Menschenrechtserklärung der UNO als auch in den Grundrechten, den ersten 19 Artikeln des deutschen Grundgesetzes. Ähnliche Ideen prägen auch die Verfassungen und Gesetzgebungen der anderen westeuropäischen Länder.

Die folgenden Grundorientierungen beziehen sich auf die Religion:
Artikel 18 der UNO-Menschenrechtserklärung lautet:
»Jede Person hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, ihre Religion oder Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit, ihre Religion oder Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen auszudrücken.«
Artikel 4 des Grundgesetzes lautet:
»(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.«

Wir können davon ausgehen, dass der größte Teil des islamischen Glaubens verträglich mit allen Gesellschaftsformen ist, sonst hätte er nicht über tausend Jahre lang für einen Teil der Menschheit die geistige Gesellschaftsgrundlage bilden können. Dies gilt umso mehr, als so unterschiedliche Völker wie Malaien und Marokkaner, Senegalesen und Türken, Bengalis und Perser den Islam angenommen und ihm eine jeweils eigene Form verliehen haben. Es ist daher effektiver zu fragen, welche Aspekte des heutigen Islam konfliktträchtig oder unvereinbar mit den europäischen Grundwerten sind.

Der muslimische, syrisch-stämmige und seit 1962 im Westen lehrende Politikwissenschaftler Bassam Tibi, der auch den Begriff »Euro-Islam« im hier gemeinten Sinne prägte, bezeichnete vor allem die Ideen der »Schari’a« und des »Djihad« als unvereinbar mit einer europäischen oder gar globalen Zivilgesellschaft. Tibi hält sie nicht nur für überholt, sondern auch für gefährlich für die nicht-islamische Welt.

Problemzone Schari‘a

Die Scharia ist das islamische Rechtssystem, das sich nach und nach zwischen dem Ende des 8. und dem Beginn des 10. Jahrhunderts entwickelte, d.h. ca. 150-300 Jahre nach dem Tode Mohammeds. Zur Zeit des Propheten gab es noch keine Scharia in diesem Sinne, das Wort Schari’a kommt im Koran nur ein einziges Mal vor – in der Bedeutung »Weg« oder »Ritus«. Bis zum 10. Jahrhundert bildeten sich fünf Rechtstraditionen heraus – vier sunnitische und eine schiitische -, die bis heute maßgeblich sind und leicht voneinander abweichen können. Quellen der schariatischen Rechtsauffassungen sind der Koran, die Hadithe (überlieferte Worte und Handlungen des Propheten) und die Auslegungen frühislamischer Theologen (bis etwa 10. Jahrhundert).

Nach Auffassung von Bassam Tibi und anderen kritischen Muslimen darf dieses System keinen Einlass in unsere westliche Gesellschaft bekommen, weil es den demokratischen Pluralismus zerstören würde, indem eine Bevölkerungsgruppe als Gruppe Sonderrechte und Sonderbehandlungen erhalten würde. Der Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz würde außer Kraft gesetzt werden. Das Ergebnis wäre keine bessere Integration der Muslime, sondern im Gegenteil eine Ghetto- oder Parallelgesellschaft. Die Scharia widerspricht in wesentlichen Punkten dem modernen westlichen Rechtsempfinden – Todesstrafe, körperliche Züchtigung, unterschiedliche Behandlung nach Geschlecht oder Religionszugehörigkeit, Auge-um-Auge-Rachementalität ähneln eher unserer mittelalterlichen Justiz. Dorthin kann aufgrund unserer Erkenntnisse aus Geschichte, Psychologie und Soziologie kein Weg mehr zurückführen.

Die Forderung nach Geltenlassen der Scharia in Europa – z.B. in Familien-, Ehe-, und Erbrecht sowie in Presse und Medien -, wie sie von einigen islamischen Organisationen erhoben wird, übersieht völlig, dass das europäische Rechtssystem in jahrhundertelangem Ringen um die Gleichberechtigung von Individuen unterschiedlichster Art entstanden ist. Europa sieht einen Gewinn im Aushalten von Differenziertheit und Pluralität; der Islam jedoch zielt mit Hilfe der Scharia eher auf die Vereinheitlichung der Bevölkerung zur »umma«, der Gemeinschaft der Gläubigen.

Problemzone Djihad

Der Begriff »Djihad« wird im Westen heute meist mit »heiliger Krieg« gleichgesetzt, was in dieser Verkürzung zwar falsch ist, wozu islamistische Terroristen aber auch selbst beigetragen haben. Zunächst ist festzuhalten, dass der Islam – ähnlich wie Buddhismus und Christentum – eine Missionsreligion ist und daher den Anspruch erhebt, die absolute Wahrheit zu besitzen, von der die ganze Menschheit überzeugt werden sollte. In den Anfangszeiten geschah die Ausbreitung des Islam weitgehend unter kriegerischen Vorzeichen; ganze Stämme unterwarfen sich dem Propheten und nahmen dessen Religion an. Die arabische Halbinsel war Stammesterritorium, Staaten gab es dort nicht. Im Koran kommt deshalb der Begriff »Staat« auch gar nicht vor. Man lebte im latenten Kriegszustand und musste immer wieder neu Verträge aushandeln, um friedlich koexistieren zu können.

Dieses geistige und geografische Milieu hatte prägende und bis heute anhaltende Bedeutung für die missionarische Weltsicht des Islam. Dauerhafter Frieden war nur denkbar, wenn auch der Konkurrent oder Gegner den Islam annimmt. Das islamische Territorium wurde als »Haus des Islam« (Dar al-Islam), das der Andersgläubigen als »Haus des Krieges« (Dar al-Harb) bezeichnet. Krieg und Gewalt ist – aus der Sicht der islamischen Theologie – ein typisches Charakteristikum der Welt der Ungläubigen, schon allein deshalb, weil sie gegen den Islam eingestellt sind. Weltfrieden kann es also erst dann geben, wenn alle Welt zum Islam bekehrt ist. Übergangsweise kann es Friedensverträge mit Staaten der Ungläubigen geben, solange diese in der Übermacht sind. Ziel bleibt jedoch immer der Weltfriede durch den weltweit angenommenen Islam. Dies gilt es für westliche Dialogpartner immer zu beachten, wenn muslimische Theologen vom »Weltfrieden« sprechen.

Djihad bedeutet »Bemühung«, »Anstrengung« um die persönliche Verwirklichung und  missionarische Verbreitung des Islam – und um seine Verteidigung und die seines Territoriums (Dar al-Islam) gegenüber Andersgläubigen. In letzter Konsequenz und als letztes Mittel bedeutet dies selbstverständlich auch Kampf mit der Waffe. Daran lässt die islamische Theologie keinen Zweifel. Allerdings gelten für Kampf und Krieg im Namen des Islam bestimmte Regeln und Voraussetzungen, mehr oder weniger abgeleitet aus den Stammesstraditionen des alten Arabien. Auf Einzelheiten brauchen wir hier nicht weiter eingehen, zumal es zum Djihad ein breites Interpretationsspektrum gibt.

In Bezug auf einen zu verwirklichenden Euro-Islam genügt es festzustellen, dass an einer kompromisslosen Absage an den gewalttätigen Djihad kein Weg vorbei führt. Es mag für eine Person, ein Volk oder einen Staat nachvollziehbare Gründe zur Selbstverteidigung mit der Waffe geben; Gewalt im Namen einer Religion gehört jedoch unwiderruflich den Zeiten eines beschränkten Geisteshorizonts an und hat im 21. Jahrhundert nichts mehr zu suchen. Gleichermaßen historisch überholt und kleingeistig ist das Schwarz-Weiß-Denken der islamischen Mission, das die Grundlage für den Kriegs-Djihad bildet, d.h. die Unterteilung der Welt in ein »Haus des Islam« und in ein »Haus des Krieges«. Diese Ideen sind gegen die demokratische Zivilgesellschaft gerichtet und stellen eine Bedrohung des Weltfriedens dar.

Absolutheitsanspruch und Mission

Ein in die europäische Zivilgesellschaft integrierter Islam muss seine traditionelle Missionsstrategie aufgeben. Eine sehr aktive oder gar aggressive Mission verträgt sich nicht mit sozialem Frieden. Die Missionsarbeit eines Euro-Islam wird nicht über das Maß der hier heimischen großen Volkskirchen hinausgehen können, also eher ein lockeres weltanschauliches Angebot sein – und ohne Zorn, wenn man sich vom Islam (wieder) abwendet.

Dürfen wir von einem aufgeklärten Euro-Islam erwarten, dass er seinen Absolutheitsanspruch aufgibt? Ja und nein. Ein Vergleich mit dem Mainstream-Christentum in Westeuropa mag dies verdeutlichen. Grundsätzlich wähnt sich auch das Christentum im Besitz der göttlichen Wahrheit und möchte der ganzen Menschheit die »frohe Botschaft« (Evangelium) bringen. Früher galt unter Theologen das Motto »Außerhalb der Kirche kein Heil«. Seit dem 20. Jahrhundert wird dieser Anspruch jedoch von immer mehr Theologen relativiert. Karl Rahner prägte den Begriff des »anonymen Christen«, d.h. dass auch Nicht-Christen unter bestimmten Voraussetzungen von Christus angenommen werden und zum ewigen Heil gelangen können. Hans Küng sieht das Wesentliche der Religion – d.h. aller Religionen – in der gelebten Ethik.

Eine gewisse Verbreitung findet in den großen Kirchen heute auch der Glaube an die letztendliche Allversöhnung mit Gott bzw. die Erlösung aller Menschen – unabhängig von ihrer Religion – aufgrund der allumfassenden Liebe Gottes. Demzufolge braucht niemand ewige Höllenstrafen verbüßen. Dem Seelenheil dienende Aspekte fänden sich durchaus auch in anderen Religionen, betonten die letzten Päpste bei verschiedenen interreligiösen Begegnungen. Christen könnten sich in ethischer Hinsicht auch von anderen Religionen inspirieren lassen. „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist.“ heißt es in »Nostra Aetate«, der Abschlusserklärung des bahnbrechenden 2. Vatikanischen Konzils 1965. Die Erklärung fordert Andersgläubige nicht auf, Christen zu werden, sondern appelliert an die Christen, die geistlichen, sittlichen, sozialen und kulturellen Werte anderer Religionen zu achten, zu wahren und zu fördern.

Wenn auch der Weg über und zu Christus als der grundsätzlich richtige gesehen wird und ein Werben für den christlichen Glauben ein ur-christliches Anliegen ist, so besteht doch ein Konsens unter den christlichen Theologen des Mainstream, dass es den Menschen nicht zusteht, Urteile darüber zu fällen, wer das Heil erlangt und wer nicht.

Vergleichbare Positionen sind – zumindest theoretisch – auch in der islamischen Theologie denkbar. In der Tat finden sich interreligiös-versöhnliche Worte häufig bei muslimischen Dichtern und Mystikern, den Sufis. Die »sanfte« Mission, die von den Sufis ausging – nicht zuletzt auch durch ihr persönliches Vorbild -, hat dem Islam in der Geschichte wahrscheinlich mehr treue Anhänger zugeführt als der Druck von islamischen Machthabern.

Grundlagen des Euro-Islam

Ohne eine kompromisslose Verabschiedung von »Schari’a« und »Djihad« kann der Euro-Islam keine Gestalt annehmen. Und ohne einen solchen Euro-Islam ist eine friedliche und freundschaftliche Integration unserer Muslime auf dem Boden der Menschenrechte und des Grundgesetzes nicht zu verwirklichen. Dies ist für die meisten westlich-sozialisierten oder -gebildeten Muslime sicher kein Problem. Die spannende Frage ist jedoch, ob auch Muslime, die weitgehend orientalischen Sitten und orientalischer Mentalität verhaftet sind, für den Euro-Islam gewonnen werden können. Nur wenn gläubige Muslime, die durch ihr praktiziertes Glaubensleben innerhalb ihrer Gemeinden eine gewisse Vorbildfunktion erfüllen, für den Euro-Islam einstehen, kann eine weitgehende Immunität gegenüber antiwestlichen und antidemokratischen Islamideologien erlangt werden.

Der Grundpfeiler des Islam ist der Glaube, dass der Koran Gottes Wort und Mohammed Gottes (letzter) Prophet ist. Der nächste daraus abgeleitete Glaubensschritt ist, dass der Koran wortwörtlich zu verstehen und für alle Ewigkeit gültig ist. Vergleichbares gilt für die Worte und Handlungen des Propheten, wie sie in den allgemein anerkannten Hadithen überliefert sind. Es ist klar, dass ein aufgeklärter Euro-Islam zu einer differenzierteren Sicht gelangen wird. Ausgehend vom selben Grunddogma des göttlichen Koran und der einzigartigen Stellung des Propheten wird er sich von einer historischen Interpretation leiten lassen. Das bedeutet, dass bestimmte Aussagen des Koran und der Hadithen zwar in ihrer Bedeutung für den damaligen Kontext – arabische Stammesgesellschaft im 7. Jahrhundert – positiv gewürdigt werden, sie aber in einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft als unnötig oder gar ungeeignet angesehen werden. Aufgeklärte islamische Theologen versuchen, hinter der wortwörtlichen Aussage Gottes essentiellen Willen zu erkennen, der auch für unsere heutige Gesellschaft von Bedeutung sein müsste.

Beispielsweise gestattet der Koran muslimischen Männern, bis zu vier Frauen zu heiraten. Wenn wir einmal gewisse arabische Stammestraditionen der damaligen Zeit außer Betracht lassen, so sehen heutige islamische Theologen hinter dieser Erlaubnis Gottes Willen, Frauen in einer kriegerisch-patriarchalischen Gesellschaft ein Höchstmaß an Schutz und Geborgenheit zu gewährleisten. Im heutigen Westeuropa, das im bisher weitesten Maße die Gleichberechtigung der Geschlechter verwirklicht hat, entfallen jedoch so gut wie alle sozialen Voraussetzungen für eine Vielehe. Europäische Muslime können sich also ohne Wenn und Aber zu einer Einehe verpflichten und der Vielehe als nicht mehr zeitgemäß eine klare Absage erteilen.

Eine vergleichbare historisch-kritische Aufarbeitung haben islamische Theologen im Falle der Konzepte von Schari’a, Djihad und Da‘wa (Mission) zu leisten. Dies würde den Islam nicht nur kompatibel mit der europäischen Gesellschaft machen, sondern auch global zu einer attraktiveren und konkurrenzfähigen Weltanschauung. Dass eine solche aufgeklärte Koran-Auslegung möglich ist ohne die grundlegenden Glaubenssätze zu verwässern, hat z.B. der ägyptische Literaturwissenschaftler und tiefgläubige Muslim Nasr Hamid Abu Zaid bewiesen. Allerdings wurde diesem wegen seiner »liberalen« Theologie in seinem Heimatland das Leben so schwer gemacht, dass er nach Europa auswandern musste. Der 2010 verstorbene Abu Zaid war ein euro-islamischer Vordenker, dem hoffentlich viele weitere folgen werden.

Theologische Mächte – heute und morgen

Ein besonderes Hindernis für die Verbreitung des Euro-Islam könnte in der geistlichen Vormachtstellung der Al-Azhar-Universität Kairo liegen. Die Theologen dieser über tausend Jahre alten Madrasa (islamische Lehrstätte) sind – zumindest für Sunniten – die einflussreichste Autorität in Glaubensfragen, vergleichbar der Glaubenskongregation des Vatikan. Ein Kurswechsel in der konservativen Al-Azhar-Theologie hätte unabsehbare Folgen für die gesamte islamische Welt. Damit ist jedoch aufgrund der altehrwürdigen Stellung von Al-Azhar und ihrer Verwurzelung im arabischen Raum kaum zu rechnen.

Andererseits ist den Azhar-Theologen durch Fernsehen und Internet eine zunehmende Konkurrenz erwachsen. Der orthodoxe Fernsehprediger Scheich Yusef al-Qaradawi z.B. erreicht über den Sender Al Jazeera mit seiner wöchentlichen Sendung »Die Scharia und das Leben« potenziell hunderte Millionen Menschen in der arabischen Welt und dürfte damit gegenwärtig der einflussreichste islamische Theologe sein. Qaradawi, ein an Al-Azhar ausgebildeter Theologe ägyptischer Herkunft und in Katar lebend, mischt sich mit seinen Ansprachen immer wieder in die Politik ein, z.B. zu Ungunsten von Mubarak und Gaddafi. Leider rechtfertigt er theologisch auch bestimmte Formen des islamistischen Terrorismus.

Es wird deutlich, dass die Etablierung eines Euro-Islam der Unterstützung einflussreicher Theologen und Korangelehrter bedarf. Diese müssen das westliche Milieu gut kennen und schätzen, in der Regel sogar hier aufgewachsen sein. Das bedeutet, dass die europäischen Staaten die islamische Theologenausbildung auf westlich-akademischem Niveau ausbauen müssen, vergleichbar der der christlichen. Gelehrte wie der erwähnte Abu Zaid, die dem Euro-Islam nahestehen und in ihren orientalischen Heimatländern ein gefährdetes Leben führen, sollten nach Europa geholt werden. Der Euro-Islam ist nicht als neue Konfession zu verstehen, sondern als neue Gelehrtentradition innerhalb des (sunnitischen) Islam. Er sollte nach Möglichkeit einen Bruch mit Al-Azhar und anderen Autoritäten vermeiden und sich stattdessen als eigenständige geistige Kraft etablieren.

Ebenso wichtig ist es, euro-islamischen Theologen in den westlichen Medien Raum zu verschaffen. Dies wäre ein wichtiger Baustein für die Entspannung und Solidarität innerhalb unserer pluralistischen Gesellschaft und würde einer Ghettoisierung der muslimischen Mitbürger entgegenwirken. Es besteht durchaus Grund zur Hoffnung, dass sich im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte durch Bildungs- und Sozialisationsprozesse ganz von selbst ein aufgeklärter Euro-Islam entwickeln wird, doch können unsere Regierungen und Bürger dazu beitragen, dass diese Entwicklung schneller und kraftvoller verläuft.

( Stephan Surya Nagel )